Aus Gnaden.

# Eph 2:8. - # Ps 103:1-4.

(Auszug aus einer Predigt zu den Pelagianern).

Aus Gnaden seid ihr selig geworden; nicht aus euch. Gottes Gabe ist es. Vielleicht möchtet ihr sagen: Was will er, daß er dies so oft sagt. Wieder und immer wieder dasselbe, fast redet er nie, ohne dies zu sagen. O daß ich doch nicht ohne Grund es sagte. Denn es gibt Menschen, die gegen die Gnade undankbar sind und der hülfsbedürftigen verwundeten menschlichen Natur große Kraft beimessen. Wahr ist es: der Mensch, als er geschaffen wurde, empfing große Kräfte des freien Willens, aber durch die Sünde verlor er diese Kräfte. Er verfiel dem Tode, ward schwach und von den Räubern halb todt am Wege zurückgelassen.

Der vorüberreisende Samariter hat ihn auf sein Tier gehoben und ihn zur Herberge gebracht. Dort wird er noch weiter geheilt. Doch - sagt man - es genügt, daß ich die Vergebung aller meiner Sünden empfangen habe. Durchaus wahr. Aber ist deshalb, weil die Sünde getilgt ist, auch schon die Schwachheit gehoben? Ich habe, wird geantwortet, die Vergebung aller meiner Sünden empfangen. Durchaus wahr. Alle Sünden sind getilgt, alle Sünden in Worten, Werken und Gedanken, sie sind alle getilgt.

Aber hierauf bezieht sich, daß auf dem Wege Öl und Wein in die Wunden gegossen ward. Erwäget, wie jener von den Räubern Verwundete und halb todt Zurückgelassene auf dem Wege erquickt ward, indem Öl und Wein in seine Wunden gegossen wurden. Seine Verirrung ist ihm schon vergeben worden und gleichwohl wird in der Herberge seine Schwachheit noch geheilt. Die Herberge ist die Kirche, ein vorübergehender Aufenthaltsort; aber das Haus, aus welchem wir nimmer wieder Abschied nehmen werden, haben wir dann erreicht, wenn wir als Genesene in's Himmelreich gekommen sind. Einstweilen wollen wir gern in der Herberge uns heilen lassen und uns in unsrer gegenwärtigen Schwachheit noch nicht der Gesundheit rühmen, auf daß wir durch unsern Hochmuth uns nicht auf immer von der Heilung ausschließen.

Lobe den Herrn, meine Seele! Sag es deiner Seele: Du bist noch in diesem Leben; du trägst noch den zerbrechlichen Leib an dir; noch beschwert der hinfällige Körper die Seele; noch hast du auch nach dem Heile der Vergebung das Heilmittel des Gebetes empfangen; noch darfst du bitten, bis deine Schwächen geheilet sind: "Vergib uns unsre Schuld". Sag es also deiner Seele, nicht erhobenen Hauptes, sondern erniedrigt im Demutstale. Sag es deiner Seele: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan". Was für Gutes? O sag es, erzähle es, lobpreise es. Was für Gutes? Der dir alle deine Sünden vergibt.

Dies ist am Kreuze geschehen. Und was geschieht nun: "Der heilet alle deine Gebrechen". - Dies geschieht jetzt: ich erkenne es. Aber, solange ich hier bin, beschwert der hinfällige Körper noch meine Seele. Sag also auch, was folgt: "Der dein Leben vom Verderben erlöset". Nach der Erlösung vom Verderben, was bleibt noch. "Wenn das Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche und dies Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit": dann wird erfüllt, was geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Du suchst ihn und findest ihn nicht.

Was ist der Stachel des Todes? Du suchst ihn und er ist nirgends. Denn der Stachel des Todes ist die Sünde. Es sind des Apostels, nicht meine Worte. Dann wird es heißen: Tod, wo ist dein Stachel? Nirgends wird Sünde sein, weder die dich gefangen nimmt, noch die dich ansicht, noch die dein Gewissen ängstigt. Dann wird es auch nicht mehr heißen: "Vergib uns unsre Schuld"! Aber man wird sagen: "Herr, unser Gott, gib uns deinen Frieden; denn Alles hast du uns schon gegeben".